Das Berner Nachtleben

Es ist wieder mal soweit, es ist Samstagabend und die Berner WG ist vollgestopft mit euphorischen Menschen die es in die Reithalle zieht. Da Samstag immer ein Arbeitstag für mich ist komme ich erschöpft um die 18:10 nach Hause, mit den Gedanken spielend zu Hause zu bleiben. Sobald ich aber die ganzen Gesichter sehe, wird mir bewusst dass es nichts wird mit dem zu Hause bleiben und da wird mir schon das erste Bier in die Hand gedrückt.

Dann heisst es Programm abchecken. Bonsoir…? Nein.. Dachstock…? Zu teuer… Frauenraum…? Kommen die Herren nicht herein… Das heisst ihnen bleibt nichts anderes übrig als mal zum Vorplatz zu gehen und zu hoffen dass die Piratenbar offen ist. Es ist 23:38 widerwillen werde ich zur Reithalle mitgeschleift mit dem Versprechen dass sie mich nach einem Bier wieder nach Hause gehen lassen (zum Glück liegt die Wohnung nur 10 Minuten entfernt). Es ist Winter und auf dem Vorplatz wurden Holzpaletten aufeinander gestapelt und zu einem grossen Feuer entfacht. Der Platz ist voll mit lachenden Menschen die mit einander tanzen, musizieren und um das Feuer stehen. Obwohl die verschiedensten Menschen dort aufeinander treffen herrscht zum grössten Teil pure Harmonie.

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Die Piratenbar ist offen, was eine super Sache ist, das Bier kostet nur 3.- und wird von einem sympathischen Punk namens Karl verkauft der auf seiner Glatze  «Suck my Dick» tätowiert hat. Ich wandere ziellos umher und checke ab wer sonst noch dort ist, während ich schon am meinem dritten Bier herumschlürfe. Mir ist schon nicht mehr kalt, und irgendein Fünkchen von Ausgangsstimmung kommt in mir auf. Da entdecke ich auch schon Nicola (mein bester Freund) den ich seit die Berufsmatura begonnen habe, nur noch selten zu Gesicht bekomme. Nach einer herzlichen Begrüssung lädt er mich zu einem Bier ein. Die Truppe mit der ich zur Reithalle gekommen bin ist sowieso nirgends mehr aufzufinden also stimme ich zu. Es gibt viel zu erzählen und ich vergesse völlig die Zeit. Mein Blick auf die Uhr verrät mir dass es schon 02:36 ist. Plötzlich erhalte ich eine SMS meiner Freundin die ich seit unserer Ankunft vor ein paar Stunden nicht mehr gesehen habe. «wjo biust duu??» schmunzelnd lese ich ihre SMS und mache mich auf den Weg zu ihr. Als ich sie entdecke springt sie mir um den Hals flüstert mir ins Ohr wie froh sie sei mich wieder zu sehen, als hätten wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

 

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Es ist schon 03:42 die Stimmung auf dem Vorplatz hat sein Höhepunkt erreicht. Das Feuer ist niedergebrannt doch das spielt jetzt keine Rolle denn die meisten Menschen spüren die Kälte sowieso nicht mehr. Der Punk der Piratenbar schreit in die Menge: «Die letzten Biere!» nur noch 1.-. Karl sieht mich an und schenkt mir eins, ich mache es auf und nehme einen grossen Schluck. Da ertönt aus den Boxen der Piratenbar «d Venus vo Bümpliz» von Patent Ochsner, was auf dem Vorplatz zu einer Hymne gehört. Voller Stolz kommen alle auf dem Vorplatz zusammen und es wird das ganze Lied laut mitgebrüllt und die Flaschen Bier in die Höhe gehalten. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Das gibt es nur in der Reithalle. Um die 04:17 verabschiede ich mich von allen Bekannten die noch anwesend sind und schlendere zufrieden nach Hause. Auf dem Weg kommen mir 1000 Sachen in den Sinn die ich noch auf den Montag erledigen sollte. Ich schliesse einen Pakt mit mir selber, dass ich mich nächsten Samstag nicht zum Ausgehen verführen lassen werde, merke jedoch dass das nicht klappen wird, da ich mich in einer Woche ganz genau zur selben Zeit in der gleichen Situation befinden werde. Der Kreis hat sich wieder geschlossen.

Georgia Mendes de Freitas

♒︎ Zu meiner Wenigkeit Ziellos durch den Wald wandernd, Tee trinkend auf dem Balkon sitzen. Manu Chao hörend, in der Badewanne liegen.

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2 Gedanken zu „Das Berner Nachtleben“

  1. Hey Georgia
    Danke für den kleinen Einblick in dein Wochenendleben.
    Dein Betrag ist für mich insbesondere interessant, da ich selber auch schon so einige Erlebnisse in Bern und dessen Nachtleben hatte. Dass du dich immer wieder erneut von diesem Banne verführen lässt, kann ich deshalb nur zu gut verstehen.
    Bern ist eben unglaublich gesellschaftlich, hat viele freundliche Leute und ist zudem wunderschön. „Gesellschaftlich“ zeigen doch gerade Momente wie dein Erlebnis mit «d Venus vo Bümpliz». Das perfekte Lied um den Abend ausklingen zu lassen und ihn in schöner Erinnerung zu behalten. Solche Erlebnisse heißen für mich abschalten vom Alltag und vergessen der Probleme.

    Also mein Tipp: Lass dich gehen, genieß dein Leben, schlaf (nüchterne) dich aus, steige unter die kalte Dusche und verbringe einen erholsamen Sonntag. So hast du am Montag, wenn es an der Berufsmatur wieder rund geht, einen klaren Kopf.

  2. Lieber Manuel

    Das stimmt! Bern ist einfach grossartig. Schade sind wir uns nie über den Weg gelaufen im Ausgang, falls du mal aufkreuzt kannst du mir ja Bescheid sagen…Das mit der kalten Dusche werde ich auf jeden Fall ausprobieren, ich hoffe es wird mir das nächste Mal helfen. Bis bald im Nachtleben oder an unserer Schule. 🙂

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