Die Burrnesha

Ich stolperte neulich über einen Artikel, der mir sehr zu denken gab.
Es ging um eine alte Sitte im Balkan, die Frauen in Männer wandelte. Ich beschloss dem Ganzen auf dem Grund zu gehen.

Die Burrnesha, Virgjinesha, sworn virgin oder auch eingeschworene Jungfrau, wie sie genannt wird, ist ein alter Brauch im Balkan, der besagt, falls der Ehegatte stirbt und kein männlicher Nachfolger vorhanden ist, könne sich die Frau durch einen Schwur fortan an als Mann geben. Sie würde als solcher behandelt werden und hätte die gleichen Rechte wie ein männliches Mitglied der Gesellschaft.

Das erste Mal wird Ende des 19. Jahrhunderts über diese Art des Cross-Genders von Reisenden und Forschern berichtet.
Diese Lebensweise wurde bei Albanern, Südslawen,Roma wie auch (zwar eher selten) bei Aromunen und Griechen gesichtet. Die ganze Geschichte um die eingeschworenen Jungfrauen fand jedoch eher in ländlichen Gebieten dieser Lande statt.

Durch den eher symbolischen Eintritt in die Männerwelt konnten viele Frauen arrangierten Ehen entgehen. Wie schon erwähnt war das Fehlen eines männlichen Familienmitglieds meistens der Grund. Wenn kein Sohn die Nachfolge übernehmen konnte, trat eine Tochter an diese Stelle, lebte fortan als Mann und war Familienoberhaupt.

Dies kam in den südosteuropäischen Stammesgesellschaften öfters vor, da es die sognannte Blutrache gab, bei der die gesamten männlichen Mitglieder einer Familie ausgelöscht wurden. Indem also eine eingeschworene Jungfrau an die Stelle des Mannes trat, konnte dieses Problem wenigstens für eine Generation gelöst werden. Der Fortbestand der Familie war jedoch nur gesichert, wenn noch minderjährige Jungen lebten, die später Anstelle ihrer Tante treten konnten.

Der Schwur wurde vor einem Grenium, bestehend aus den 12 wichtigsten Männern des Stammes abgelegt. Die Noch-Frau gelobte Enthaltsamkeit. Danach durfte sie Waffen tragen, wurde als Familienoberhaupt angesehen und wurde in der dominierenden männlichen Gesellschaft als vollwertiges Mitglied anerkannt und respektiert.
Marubi_photograph_Albanian_man_from_Lurja

So konnten sie sich unter Männern aufhalten, hatten einen Sitz im Rat (wenn auch ohne Stimmrecht)und waren erbberechtigt. Die Übernahme der männlichen Rolle bedeutete jedoch auch, dass die Frauen die Blutfehden ihrer Verwandten weiterführen mussten.

Man sagt der Schwur wurde nur freiwillig durchgezogen, jedoch spielte der Druck durch diverse Clanmitglieder eine entscheidende Rolle.

Die Frage „A je burrnesh?“ was so viel bedeutet wie bist du so stark wie ein Mann? , war eine übliche Begrüssung in Nordalbanien.

Die sich immer mehr verändernde Gesellschaft führte jedoch zu einem fast- Aussterben dieser alten Tradition. In Albanien leben noch ca. 40 solcher Mann-Frauen.

Im Internet fand ich ein Interview einer eingeschworenen Jungfrau. Es viel mir nicht schwer zu glauben was sie sagte. Nämlich das diese Umwandlung vermutlich das Beste ist was ihr passieren konnte. Klar, die Sehnsucht nach Kindern und einer Familie ist da, aber sie ist nichts im Gedanken daran wie ihr Leben als Frau gewesen wäre.

Obwohl es ja eigentlich klar seine sollte, dass solche Frauen auf diese Art denken, schockiert es mich trotzdem ein wenig. Für mich ist dieser Schwur auch eine Art Unterdrückung.Nur indirekt.
Und ich frage mich in wie fern sie sich von unseren Transsexuellen  unterscheiden. Fast Überall werden diese immer noch nicht gern gesehen jedoch in einigenLändern wie zum Beispiel Albanien gehört es zum Gesetz. Liegt der Unterschied etwa in der eigenen Entscheidungsfreiheit?

swornvirgins_Foto_Vincze-Miklós

rahel.studer@hotmail.com'

Rahel Studer

Bekleidungsgestalterin Pianistin Erfolgreiche Ananaswerferin erfolgloser Meister im Sprintsackhüpfen

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