Projekt: Rehbockupdate

Im Fach Gestalten haben wir die Aufgabe, selbstständig ein Projekt zu erarbeiten und auszuführen. Wir orientieren uns dabei an einem Vorbild unserer Wahl und daraus entsteht eine Idee zu einer gestalterischen Arbeit.
Ich habe ein Aquarell von Albrecht Dürer aus dem 16.Jahrhundert gewählt und das Motiv in die heutige Zeit versetzt.

Vorbild, Recherche und Idee

Mein Vorbild ist ein Aquarell von Albrecht Dürer. Es heisst «Kopf eines Rehbocks»  und wurde um 1503  auf Papier gemalt. Es wird heute im Musée Bonnat in Bayonnne, Frankreich, aufbewahrt.
Das Aquarell zeigt den Kopf eines Rehbocks und ist sehr detailliert gemalt. Man kann die Fellstruktur sehr genau erkennen und das Fell fast fühlen. Oben rechts ist das Blatt datiert mit 1514. Dieses Datum wurde aber wahrscheinlich von Hans von Kulmbach aufgemalt, in dem Jahr, in dem Dürer ihm das Aquarell gegeben hatte.

Aquarell : Kopf eines Rehbocks
Aquarell : Kopf eines Rehbocks

Albrecht Dürer lebte von 1471 bis 1528 und war ein bedeutender deutscher Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker zur Zeit des Humanismus und der Reformation. Er war der erste Künstler, der seine Grafiken systematisch mit einem Monogramm kennzeichnete. Er hatte ein besonderes Interesse an einer realistischen Wiedergabe der Landschaft und beschäftigte sich ab 1502 intensiv mit der Natur, ihren Tieren und den Pflanzen. Dürer war der erste Künstler der unbedeutende und unscheinbare Geschöpfe und Pflanzen sorgfältig und mit beinahe fotografischer Präzision in Aquarell- und Deckfarbentechnik festhielt. Bis dahin waren die Tiere und Pflanzen nicht wichtig für die Kunst, aber Albrecht Dürer erhob die autonome Tier- und Pflanzenstudie in den höchsten künstlerischen Rang.

Albrecht Dürer's Selbstporträt von 1498
Albrecht Dürer’s Selbstporträt von 1498

Im Märchen und in der Mythologie verleitet das Reh den/die Märchenheld/in oft dazu, unbekannte Wege zu gehen. Es versinnbildlicht eine Sehnsucht zu etwas Unbekanntem, als Tier des Waldes und der freien Natur lockt das Reh in die Tiefe des Waldes, in eine Zone des Jenseitigen. Es verkörpert mit seiner scheuen und auch schreckhaften Art eine Seite in uns, die sich eher zurückzieht und den Menschen und das Laute scheut. Das Reh verweist gerade aufgrund seiner fehlenden Aggressivität auf eine Seite in uns, die besonders fein, zart, anmutig und empfindsam ist und eines besonderen Schutzes bedarf.

Ich habe dieses Aquarell ausgewählt, weil mich seine sehr feine Malerei fasziniert und ich mich selber auch ein bisschen im Wesen des Rehs wiederfinden kann.

Meine Idee ist es, den Rehbock auf einer, mit schwarzem Acrylspray besprayter,  durchsichtiger Folie «freizukratzen» und nachher die Rückseite mit goldigem Spray zu besprühen. Ich möchte die Struktur des Felles sichtbarmachen. Als Beispiel dienten mir auch Bilder vom Zürcher Grafiker Hannes Binder aus seinem Buch «Kunos grosse Fahrt». Diese sind meist in Schwarz-Weiss und in einen Schabkarton hineingeritzt. Sie sind sehr detailliert und kunstvoll ausgeführt.

Gestalterische und technische Experimente

Ich habe mehrere, verschieden dicke, durchsichtige Folien gekauft und mehrmals mit schwarzem Acrylspray darüber gesprayt. Nach einer Woche Trocknungszeit habe ich erste Kratzversuche gemacht und festgestellt, dass der teurere Spray nicht geeignet ist für Kratzbilder. Es gab neben der eigentlichen Linie Ausbrüche der Acrylschicht. Besser waren die Folien, welche mit dem billigerem Spray besprüht waren. Bei diesen probierte ich verschiedene Motive aus. Ich habe auch verschiedene Werkzeuge ausprobiert, z. B.: Schreibfedern aus Stahl, «Schneidfedern» oder eine «Kratznadel» mit einer Stahlspitze. Die «Kratznadel» hat sich als das beste Werkzeug herausgestellt.

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 Reflexion und Analyse

Ich habe die Bilder lange angeschaut und bin dann zum Schluss gekommen, dass ich einen anderen Weg finden muss, um den Rehbock darzustellen. Dies, weil ich mit den ersten Experimenten nicht zufrieden war und sie mir nicht gefielen. Zuhause ist mir dann ein T-Shirt in die Hände gekommen, dass mich zu dem endgültigen Ergebnis inspiriert hat. Es zeigt ein Raubtier, das nur mit verschiedenen Mustern dargestellt ist, aber man erkennt sehr gut das Wesen des Tieres.
Ich habe mir dann zum Ziel gesetzt, den Rehbock aus dem 16.Jahrhundert zu modernisieren und ihn nur mit Mustern zu gestalten. Und zwar so, dass man das Wesen des Rehbocks erkennen kann. Ich habe mich auch gefragt, wie dieses Tier in der Kunst des 21.Jahrhunderts aussehen würde.

Konkretisierung

Ich habe zuerst einmal das Aquarell des Rehbocks auf Papier ausgedruckt und zeichnete dann mit wasserfestem Folienschreiber verschiedene Muster und Konturen auf das Papier, wobei ich mich an den Umrissen des Originals orientierte. Nachher habe ich das Resultat eingescannt und mit Photoshop so bearbeitet, dass nur noch die gezeichneten Muster vorhanden waren. Diese habe ich wiederum auf Transparentpapier ausgedruckt und mit Büroklammern auf einem A4 Schabkarton befestigt. Dieser Schabkarton wird auch von dem Künstler Hannes Binder benützt und wurde mir empfohlen.

Mit Hilfe der «Kratznadel» habe ich die Konturen und grossen Muster «nachpunktiert» und dann auf dem Schabkarton die einzelnen Punkte miteinander verbunden. Dies ging nicht so gut, wie ich erwartet hatte, denn die oberste schwarze Schicht des Schabkartons ist nicht so weich wie sie aussieht. Unter der schwarzen Oberfläche kommt weisser Karton hervor und man kann ziemlich tief hineinkratzen. Die kleineren Muster habe ich dann Freihand herausgearbeitet und ein paar davon ein bisschen abgewandelt.
Nachdem ich alle Konturen übertragen hatte, nahm ich das Transparentpapier ab und habe den Rehbock ausgearbeitet. Damit die grösseren weissen Flächen schöner aussehen, habe ich die Fläche mit einer Schreibfeder, welche eine breite Spitze hat, geglättet. Zum Schluss habe ich das Bild eingerahmt in einen schmalen, schwarzen Rahmen, der nicht zu auffällig ist und den Rehbock gut zur Geltung bringt.

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 Schlussreflexion

Das fertige Bild gefällt mir persönlich gut, auch wenn ich im Nachhinein ein paar Sachen anders machen würde. Z. B. die Schnauzpartie oder die Augen. Bei den Augen würde ich heute nur den Glanzpunkt auskratzen und die Konturen, sein Blick wäre besser. Aber im Grossen und Ganzen bin ich sehr zufrieden und ich finde, man kann auch das Wesen des Rehbocks erkennen.
Auch die Frage, wie der Rehbock von Dürer heute aussehen würde, habe ich meiner Meinung nach geklärt. Was ich unterschätzt habe, ist die Zeit, die man für die Arbeit mit Schabkarton braucht. Am Schluss habe ich viel Geduld und Durchhaltewillen gebraucht, denn es war zum Teil recht viel Sisyphusarbeit.
Aber ich habe jetzt noch mehr Respekt vor Künstlern wie Hannes Binder, der gleich ganze Bücher mit Hilfe von Schabkarton illustriert!